Zukunftsträgerin aus der Geschichte: Der Black History Month mit May Ayim

Progression und Protest, Wandel durch Willenskraft, Narration über Nostalgie: Historische Erzählung ist der Kern sozialer Erinnerungskultur und eng verknüpft mit den Zukunftsvisionen unserer Gesellschaft. Der Black History Month ist besonders in den USA und Kanada prominent, um an Schwarze Geschichtsschreibung zu erinnern. Seit 1926 werden in den USA im Februar Schwarze Kultur und Errungenschaften mit verschiedenen Veranstaltungen und Beiträgen hervorgehoben und gewürdigt. 1990 wurde der Black History Month in Deutschland von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) ins Leben gerufen. Er dient dazu, Schwarzen Positionen eine Bühne zu bieten – Sichtbarkeit und Vielschichtigkeit stehen hier im Fokus.

Welches transformative Potential liegt in erinnerungskulturellen Veranstaltungsformaten für einen zukunftsorientierten Blick? Wir tauchen in eine Erzählung ein. 

May Ayims Leben zwischen Identitätssuche und antirassistischem Aktivismus

Die Dichterin, Pädagogin und afrodeutsche Aktivistin wurde 1960 in Hamburg als Sylvia Andler geboren. Als uneheliches Kind von der deutschen, weißen Ursula Andler und dem ghanaischen Medizinstudenten Emmanuel Ayim war ihre Situation von Beginn an schwierig. Die Mutter entschied sich, sie nicht zu behalten und auch im weiteren Verlauf von May Ayims Leben blieb ihre Beziehung kritisch; sie sahen sich nur ein Mal. Der Vater stieß auf rechtliche Hürden, sodass er sie nicht mit nach Ghana nehmen konnte. Sie wuchs zunächst in einem Kinderheim und später bei der Adoptivfamilie Opitz in Nordrhein-Westfalen auf. Unter strenger Erziehung nahm sie den Familiennamen an; sie war mit einer Erwartung von Überangepasstheit konfrontiert, sie sollte nicht auffallen und ja nicht im Verruf stehen, etwaigen Negativstigmata rassifizierter Personen zu entsprechen. Zeitlebens spielte die Suche nach Identität und Herkunft eine zentrale Rolle in May Ayims Leben. 

Nach dem Abitur studierte sie Pädagogik und Psychologie in Regensburg und absolvierte anschließend eine Ausbildung zur Logopädin in Berlin. Die im Rahmen ihres Studiums geschriebene Diplomarbeit mit dem Titel Afro-Deutsche: Ihre Kultur- und Sozialgeschichte auf dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen wurde von dem zuständigen Professor in Regensburg zunächst abgelehnt; May Ayim fand jedoch eine Prüferin in Berlin, die die Arbeit annahm. Die Begründung für die vorherige Ablehnung lautete, dass es in Deutschland keinen Rassismus gäbe. 

Im lebhaften und diversen Berlin begann ihr Ankommen. Ayim engagierte sich politisch und wurde Teil der internationalen Schwarzen Frauenbewegung. Sie war Mitbegründerin der 1985 ins Leben gerufenen Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) und prägte den Begriff „afrodeutsch“ maßgeblich mit. So wurde 1986 ihre Diplomarbeit in dem Buch Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte veröffentlicht, welches sie zusammen mit Katharina Oguntoye und Dagmar Schultz herausgab. Manifestartig schrieb die Forscherin in einem Vorsatz: „Vereinzelung bedeutet, unsichtbar zu sein, leicht übersehen zu werden, allein kämpfen zu müssen. Es hat lange gebraucht, das zu erkennen, aber wir haben uns entschlossen, FARBE ZU BEKENNEN“. Die Arbeit von May Ayim war innovativ und irritierte die deutsche Mehrheitsgesellschaft der 1980er Jahre. Erstmals gelangten die Stimmen Schwarzer Frauen in die deutsche Öffentlichkeit und erlangten durch den Zusammenschluss unter dem Begriffsrepertoire der Afrodeutschen Selbstdefinition. Es wurden deutsche Kolonialgeschichte, Alltagsrassismus und Schwarze Geschichte in Deutschland sichtbar gemacht.

Abseits ihres politischen Aktivismus schrieb May Ayim Gedichte. Wortbedacht, sensibel und gesellschaftsbezogen arrangiert sie Welten, die assoziativ und doch real sind. Wir lesen hier auszugsweise das Werk blues in schwarz weiss, welches titelgebend für den berühmten 1995 erschienenen Lyrikband war.

« während noch immer und schon wieder
die einen
verteilt und vertrieben und zerstückelt werden
die einen
die immer die anderen sind und waren und
bleiben sollen
erklären sich noch immer und schon wieder
die eigentlich anderen
zu den einzig wahren
[...]
1/3 der welt vereinigt sich
gegen die anderen 2/3
im rhythmus von rassismus sexismus und antisemitismus
wollen sie uns isolieren unsere geschichte ausradieren
oder bis zur unkenntlichkeit
mystifizieren
es ist ein blues in schwarz-weiß
es ist ein blues »

– May Ayim 1995

Das Gedicht stellt eindringlich dar, wie ein kleiner Kreis weißer Personen die globale Geschichtsschreibung für Alle vorgibt. Durch Isolation, Ausradierung und Mystifizierung wird Schwarze Identität von den Errungenschaften der Welterzählung ausgeschlossen. Diese politischen Worte stehen aber nicht allein. Neben May Ayims Rebellion gegen die Ismen dieser Welt ist auch stets eine ganz private Vulnerabilität mitzudenken. So veröffentlichte sie eine Vielzahl an Liebesgedichten und schafft Sanftmut im Kampf, Emotion im Politischen und eine Vielschichtigkeit in ihrer Person. 

Seit 1992 veröffentlichte sie unter dem Namen ihrer ghanaischen Familie Ayim. Im Laufe ihres Lebens reiste sie mehrfach nach Ghana zu der Familie ihres Vaters und besuchte auch den mittlerweile als Medizinprofessor arbeitenden Emmanuel Ayim in Kenia. Das Verhältnis zwischen beiden blieb distanziert, dennoch empfand sie in Ghana eine Art Verbundenheit, wenn auch geprägt von Ambivalenz. So war sie in Ghana stets die Deutsche, während ihr Deutschsein in Deutschland selbst nie genug blieb. May Ayim beschrieb die Begegnungen mit ihrer ghanaischen Großfamilie später mit dem Sinnbild eines „wallnussmangobaums“ (1995) – ein Baum, der Früchte aus zwei vollkommen unterschiedlichen Kulturen trägt. 

Die Aktivistin hatte seit ihrer Kindheit psychische Probleme. Mitte der 1990er Jahre überschatteten sich die Dinge und so folgte nach emotionalen Zweifeln, Depressionen und enormer Arbeitsbelastung im Zuge der Vorbereitungen des Black History Months 1996 – eine Arbeitsbelastung, die den Erschöpfungen durch ihre Tätigkeiten als Lehrbeauftragte und Logopädin, als Dichterin sowie ihrem Jahre andauernden herausstechenden aktivistischen Engagement folgte – eine psychotische Krise. Im Jahr 1996 musste sie mehrere psychiatrische Aufenthalte erleben und erhielt außerdem die Diagnose Multiple Sklerose. Im Klinikumfeld herrschten weiß geprägte Strukturen. Die Psychosen der Dichterin verschlimmerten sich und sie begegnete rassistischen Situationen in der Klinik. Am 9. August 1996 starb May Ayim im Alter von 36 Jahren durch Suizid. 

Das Erbe von May Ayims Werk

Die mit May Ayim befreundete Aktivistin der Schwarzen Frauenbewegung, Audre Lorde, bezeichnete den Zusammenschluss afrodeutscher Frauen im Vorwort des Buches Farbe bekennen als „neuen Aspekt des deutschen Bewusstseins“. So könnte man denken, dass 40 Jahre nach Veröffentlichung dieses bahnbrechenden Werkes Veränderungen in der Mentalität der deutschen Mehrheitsgesellschaft stattgefunden haben. Wir erkennen jedoch, dass Anti-Schwarzer Rassismus (ASR) weiterhin eine gravierende Rolle spielt, ohne dabei vordergründig diskutiert zu werden. Der Afrozensus von 2020 – die erste Studie, die die Lebensrealität afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschen zu erfassen versucht – berichtet beispielsweise davon, dass befragte Schüler:innen in deutschen Schulen eine Bagatellisierung von Inhalten zu ASR und der deutschen Kolonialgeschichte wahrnehmen, die vom Lehrpersonal, von Lehrinhalten sowie von anderen Schüler:innen ausging. Die Gesamtstichprobe der Befragten der Studie urteilte zu 94,1 %, dass ASR in Deutschland ziemlich bis sehr verbreitet sei; 59,5 % gaben an, dass ASR in den letzten fünf Jahren zugenommen oder stark zugenommen habe. 

May Ayim lässt das Gedicht Deutschland im Herbst mit den Worten enden: „mir graut vor dem winter“. Ein Gedicht, welches die rassistischen Gewalttaten im wiedervereinigten Deutschland – mit dem Beispiel vom rassistisch motivierten Mord an Antonio Amadeo im November 1990 – mit der Pogromnacht im November 1938 vergleicht. Der letztzeilige Winter von diesem Herbst ist die Zukunft der sich verhärtenden fremdenfeindlichen Ressentiments im wiedervereinigten Deutschland. Eine Zukunft, die auch in unserer Gegenwart liegt. In Anbetracht der jüngsten Ereignisse zeigt sich das Grauen, welches Ayim so gewissenhaft prognostizierte. In Minneapolis protestieren täglich Menschen gegen die Willkür der aufgerüsteten Razzien, die von der US-amerikanische Einwanderungsbehörde United States Immigration and Customs Enforcement (ICE) ausgehen, durch die bereits Menschen getötet wurden. Auch in Deutschland zeigt sich eine zunehmend bedrohliche Abschottungspolitik unter erschwerten Asylbedingungen sowie eine vom Verfassungsschutz gesichert rechtsextremistisch eingestufte AfD, die bei der letzten Bundestagswahl im Februar 2025 mit 20,8 % die zweitstärkste Partei wurde. Die Auflistung dieser Bewegungen soll nicht implizieren, dass das Schaffen von May Ayim und anderen Figuren der Schwarzen Frauenbewegung kein Erbe hinterlassen hat. War die Selbstverortung als afrodeutsch in den 1980er Jahren eine Novelle, so gibt es heute zahlreiche Community-basierte Organisationen, die Schwarzen, afrikanischen und afrodiasporischen Personen Halt und Zugehörigkeit bieten: eine wichtige Errungenschaft. Die sich heutzutage dennoch verhärtenden Maßnahmen gegenüber Migration und die damit einhergehenden Ressentiments gegenüber Minderheiten sollten allerdings die Wichtigkeit von Solidarität sowie die Unumgänglichkeit antirassistischer Praxis unterstreichen.

May Ayim gelingt als Forscherin zu Rassismus in Deutschland, aber auch als Dichterin das Aussprechen von sozialer Realität und das Durchbrechen rostiger Denkschranken. Wir erkennen eine deutsche Geschichte und Gegenwart, die es zu überwinden gilt, wenn sie die Vereinbarkeit von Schwarzer Hautfarbe und deutscher Staatsangehörigkeit anzweifelt. Schwarzsein und Deutschsein schließen sich nicht aus – es gibt sowohl Schwarze Geschichte als auch Rassismus in Deutschland. Trotz ihrer persönlichen Schwierigkeiten mit der eigenen Identitätsfindung, hinterlässt May Ayim ein selbstbewusstes und provokativ-poetisches Spiel mit der Sprache: Sie ließ sich schaumkussessend vor dem U-Bahnhof M-Straße ablichten und zeigt metaphernreich den deutschen Alltagsrassismus in ihren Gedichten auf. Da ist Mut, das ist Trotz; da ist sogar eine gewisse Leichtigkeit in aller Schwere. Wir müssen angesichts der aktuellen Realität keine Leichtigkeit in uns tragen, aber die Ikonenhaftigkeit May Ayims dürfen wir definitiv feiern.

Der Black History Month als überfällige Würdigung Schwarzer Identitäten

May Ayims herausragend mutiger Beitrag zur afrodeutschen Selbstbestimmtheit ist ein wichtiges Kernstück deutscher Geschichte. Unzählige weitere Schwarze Identitäten, die zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten historische Umwälzungen vorangetrieben haben, bleiben hier leider unerzählt. Für vielschichtige Einblicke empfehle ich deshalb unbedingt die Veranstaltungen von den Selbstorganisationen Schwarzer, afrikanischer und afrodiasporischer Menschen in Deutschland Each One Teach One e.V. (EOTO) und der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), die diesen Monat anlässlich des Black History Months stattfinden.

Ich schreibe diesen Text aus einer weißen Perspektive und diese ist stets privilegiert, machtstrukturell in den sozialen Raum eingebettet und häufig genug larmoyant bis ignorant gegenüber jeglicher Infragestellung und Kritik. Ich weiß zu wenig über (anti-)rassistische sowie (anti-)koloniale Geschichte und bin selbst durchzogen von rassistischen Denklogiken aufgrund unserer rassistisch organisierten Welt, aber es ist wichtig, sich dieser Realität zu widmen, Fragen zu stellen, zuzuhören, das eigene häufig einseitig kulturalistisch geprägte Denken zu durchbrechen und nicht zuletzt selbst tätig zu werden. Für mich ist der Black History Month ein Moment der überfälligen Würdigung Schwarzer Identitäten und ein Versuch, die singuläre weiße Erzählung des Weltwissens zu hinterfragen, anzufechten und als menschenunwürdig und obsolet abzuschaffen. Bitte eine ganze Zukunft voller Schwarzer Narration statt einzelner Monate oder wie die britisch-amerikanische Soziologin Ruth Frankenberg 1993 im Rahmen eines Buches über eine Kritik am weißen Feminismus schrieb: „This work is dedicated to those who struggle for a day beyond racism – to a time when this […] will be read as history and not as a study of the present“. 

Svenda

Svenda

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