Die Stimmung ist mehr erdrückend als euphorisch: der Berliner Senat stellt seine Pläne zur Erneuerung der Torstraße in Berlin Mitte vor. Es handelt sich um eine reine Informationsveranstaltung, und, wie bei der Fragerunde mehrmals unterstrichen wird, nicht um den Wunsch nach Bürgerbeteiligung. Der Planungsprozess zeigt deutlich, dass der Senat von inklusiver und lebenswerter Stadtplanung noch nicht viel gehört hat. Doch wie kann die Torstraße ein Ort der Begegnung werden und Berlin zu einer Stadt für alle machen?
Die Zukunft der Torstraße ist ein Paradebeispiel für die (größtenteils) visionslose Stadtgestaltung der Hauptstadt. Statt nach Paris, Amsterdam, Barcelona oder Kopenhagen zu schauen, die mit innovativen und bürgernahen Projekten voranschreiten, wird die Energie in das Umsetzen von Richtlinien, maßband-getreue Heckensetzung und das Minimum an inklusiven Räumen investiert. Das Ergebnis ist eine autozentrierte Planung, die weniger Raum für Fußgänger*innen und Sondernutzungszonen, und einen Radweg, der zwei Meter vor dem Rosenthaler Platz endet, vorsieht. Es gibt kein Zeichen von der Einbeziehung sozialer oder nachhaltiger Perspektiven, die mit dem staatszentrierten Ansatz brechen könnten. Dabei muss man sich gar nicht allzu weit von der Torstraße. wegbewegen, um ein Ergebnis anwohnergerechter Entwicklung zu sehen.
Die Bergmannstraße in Friedrichshain-Kreuzberg hat gezeigt, wie man eine nachhaltige Begegnungszone voller Kultur aufbauen kann. Durch verschiedene Testphasen wurde nicht nur die Beteiligung der Bürger*innen optimiert, sondern auch Perspektivwerkstätten erschaffen. Dort konnten Anwohner*innen ihre Wünsche für die Bergmannstraße äußern und verschiedene Szenarien für eine Umgestaltung entwickeln. Wenn man nun die Straße runterspaziert, gibt es nur wenige Autos, breite Fahrradwege, Hochbeete, Bänke, Fahrradständer, zahlreiche gesicherte Straßenübergänge und behindertengerechte Bürgersteige. Mittlerweile wurde die Straße aus dem übergeordneten Straßennetz entfernt, damit in den nächsten Jahren eine Sperre für den Durchgangsverkehr errichtet werden kann. Das Projekt zeigt deutlich: Veränderung ist möglich.
Was aber macht diese urbane Entwicklung so inklusiv? In erster Linie gibt es einen entscheidenden Unterschied zur Situation der Torstraße: die relevanten Akteure wurden kontinuierlich, konstruktiv und kollektiv mit in den Planungsprozess einbezogen. Genau das macht Inklusion aus, wie auch der Duden definiert. Gleichberechtigte Teilhabe an einer Sache ist ausschlaggebend. Im urbanen Kontext haben zahlreiche Studien den Vorteil von inklusiver Stadtentwicklung aufgezeigt. Hierbei wird insbesondere die Berücksichtigung von Diversität hervorgehoben. Demokratisch gewählte Vertreter*innen können nicht die unterschiedlichen Bedürfnisse in urbanen Bereichen abbilden, weshalb genau diese mit einbezogen werden müssen. Dadurch wird nicht nur Fragmentierung verhindert, sondern auch Nachhaltigkeit und Akzeptanz gefördert. Der Ansatz von Bottom-Up, also Entwicklung von “unten” nach „oben“, wurde durch die positiven Effekte von Netzwerken und der Befragung verschiedener Experten und lokaler Stakeholder als Grundlage für inklusive Stadtentwicklung anerkannt. Das “Superblock”-Projekt in Barcelona hat gezeigt, wie Stadtviertel autofrei und lebenswert gemacht werden können. Die Initiator*innen lernten, dass die besten Ergebnisse unter Einbeziehung der lokalen Stakeholder erzielt werden. Dieser Bedarf an Inklusion geht auch damit einher, dass durch wirtschaftliche, soziographische und klimatechnische Veränderungen Städte nicht mehr als statische Einheit angesehen werden können. Dafür waren Ttop-down Strategien, also von der Politik geleitete und durchgeführte Maßnahmen, geeignet, die sich nun nicht mehr für die aktuellen Dynamiken eignen. Und doch passiert genau das in der Torstraße.. Die Projektleitung informiert Anwohner*innen, möchte aber keine Ideen oder Kritik an der Planung hören.
Der Bottom-Up Ansatz vereint nicht nur die lokalen Interessen, sondern kann mehr Zugänglichkeit für marginalisierte Gruppen fördern. So ist es zum Beispiel wichtig, dass ältere Menschen mit in die Planungsprozesse einbezogen werden, damit Dinge wie Sitzbänke, Bushaltestellen auf Straßenebene und abgesenkte Bordsteinkanten beachtet werden. Diese wiederum nützen nicht nur älteren, sondern gleichzeitig Menschen mit Kinderwagen, eingeschränkter Mobilität, und Fahrrad. Inklusion findet also nicht nur auf der Beteiligungsebene statt, sie zieht sich bis hin zu den tatsächlichen Maßnahmen.
Die Bergmannstraße. hat gezeigt, dass ein Kiez von Anwohner*innen für Anwohner*innen gestaltet werden kann und vielen anderen Menschen eine lebenswerte Stadt bieten. Die gleiche Chance sollte in der Torstraße ergriffen werden, sodass der Umbau sich an echten Bedürfnissen der Menschen, und nicht Vorschriftstexten orientiert. Dann kann Berlin eine Stadt für alle werden.

